X.III.05: Das Überleben peripherer Regionen durch Netzwerkbildung : Selbsthilfe-Netzwerke im Gesundheitsbereich
Projektbereich III: Netzwerke ökonomischen Handelns im Kontext globaler ökonomischer Abhängigkeiten


Projekt III.5:
Netzwerke als Überlebensstrategien peripherer Regionen am Beispiel von
  • Erneuerbare EnergieNetzwerke und
  • FrauengesundheitsNetzwerke

K o n z e p t

1. Projektbeschreibung


In der Debatte um zukunftsfähige Regionen in Zeiten der Globalisierung und weltweiter Wirtschaftskrisen richtet sich die Aufmerksamkeit vermehrt auf das Potential kleiner, lokal organisierter und vernetzter Bürger- und Selbsthilfeinitiativen. Am Beispiel zweier Typen regionaler Netzwerke fragen wir, welche Bedingungen und Strukturen ihren Erfolg fördern bzw. auch hemmen. So untersuchten wir in der ersten Phase Erneuerbare EnergieNetzwerke (von 2005 bis Ende 2008). Wie David gegen Goliath rufen sie eine „Energiewende jetzt!“ aus. Sie positionieren sich gegenüber monopolistisch organisierten Energieversorgern, die den Neubau von Kohlekraftwerken und die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken anstreben. Dabei setzen sie auf dezentrale, erneuerbare Energien. Dazu haben wir bislang erstens eine umfangreiche, bundesweite Datenbank aufgebaut, zweitens eine ganze Reihe von EnergieNetzwerken in unserer Region genauer analysiert, und drittens in der Logik der Aktionsforschung selbst an der Gründung einer solchen Initiative („100 %-Region Trier“) mitgewirkt und damit die Möglichkeit erhalten, dieses Netzwerk in seiner Genese beobachten zu können.
In Phase 2 überprüfen und entwickeln wir die in Phase 1 erarbeitete Methodologie an einem qualitativ anderen Typ, nämlich FrauengesundheitsNetzwerke und Selbsthilfegruppen im Frauen-gesundheitsbereich.

2. Hintergrund

Selbsthilfe-Netzwerke im Gesundheitsbereich
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelten sich Selbsthilfe-Netzwerke im Gesundheitsbereich als Kritik auf die gesundheitlichen Dienstleistungen von Staat und Wohlfahrtspflege und auf Mängel des Gesundheits- und Sozialwesens, in den ersten Jahren teilweise im Konflikt mit den institutionalisierten und etablierten Gesundheitsanbietern. Heute stoßen sie mehrheitlich auf Anerkennung und Unterstützung und werden "als reformorientierte und kreative Gegenwelt zum professionellen Versorgungssystem" gewertet.1 Im Jahr 2001 unterstrich der Sachverständigenrat der Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen in seinem Gutachten die Bedeutung der Selbsthilfe für die Bewältigung von Krankheiten durch psychosoziale Unterstützung außerhalb familiärer Netzwerke sowie die neue Rolle der Patientinnen und Patienten als anerkannte Partnerinnen und Partner im Gesundheitssystem. Gegenwärtig engagieren sich allein in freiwilligen Initiativen und Selbsthilfegruppen rund 1,4 Millionen Menschen hauptamtlich und schätzungsweise 2,5 bis 3 Millionen Bürger ehrenamtlich, das sind in etwa 70.000 bis 100.000 Gruppen zu rund 1.000 Themen, davon 38.000 Gruppen bei Selbsthilfekontaktstellen.2
Verglichen zu den erneuerbaren EnergieNetzwerken besitzen sie eine längere Tradition und sind sowohl bundes- wie landesweit (DPWV, BAGH, DAG SHG und NAKOS)3 als auch regional (SEKIS, Selbsthilfeorganisationen) organisatorisch gut aufgestellt. Dennoch leiden sie unter chronischer finanzieller Unterversorgung mit allen daraus erwachsenden Problemen. Im Frauengesundheitsbereich sind hier besonders die regional aktiven Frauenselbsthilfegruppen nach Krebs (nach Brust- und Gebärmutterkrebs) zu nennen.

FrauengesundheitsNetzwerke (FGN) und Frauengesundheitszentren (FGZ)
Die vorläufige Recherche zeigt:
Die Frauengesundheitsbewegung und ihre "wissenschaftliche Schwester" die Frauengesundheitsforschung entwickelten sich in den zurückliegenden Jahrzehnten anders als die meisten Gesundheits-Selbsthilfe-Initiativen aus der politischen Frauenbewegungen heraus und haben von daher auch eigene Organisationsstrukturen und Netzwerke gebildet. Auf der einen Seite bildeten sich an einzelnen Standorten eigene Strukturen, wie z.B. alternative Frauengesundheitszentren, Frauenhäuser, Frauennotrufe, Geburtshäuser und/oder regional bzw. überregional agierende Netzwerke wie der Arbeitskreis "Frauen und Gesundheit" im norddeutschen Forschungsverbund Public Health oder das "Nationale Netzwerk Frauengesundheit". Letztere sind Arbeitsbündnisse von Institutionen, Vereinen und/oder einzelnen Fachfrauen. Sie dienen dem regelmäßigen themenbezogenen Erfahrungsaustausch, bündeln Informationen und Ressourcen und bilden die Plattform für gemeinsame Aktionen. Ihre Größe, Struktur und Arbeitsweise sind sehr verschieden. Daneben etablierten sich auch wissenschaftliche Fachgesellschaften, Fachbereiche und Arbeitskreise. In vielen universitären Fachdisziplinen wurden Frauen- (heute) Gender-Studien eingerichtet und Frauenforschungsprofessuren berufen. Zu dieser Entwicklung trugen der "Institutionalisierungsschub" durch das Etablieren der Public-Health-Forschungsverbünde der 90er Jahre wie die in öffentlichen Behörden und Einrichtungen vermehrt eingerichteten Frauen- und Genderbeauftragten bei. Vor allem dieser "Institutionalisierungsschub" ermöglichte die - wenn auch manchmal zähe und von Rückschlägen gekennzeichnete - Erfolgsgeschichte der Frauengesundheitsbewegung in Deutschland. 4 Allerdings leiden alle diese Strukturen nach wie vor an begrenzen Mittelzuweisungen und finanzieller wie personeller Unterausstattung.
Diese sich seit nun rund vier Jahrzehnten entwickelnden Strukturen (Netzwerke, Arbeitskreise, FGZ), etablierten sich jedoch regional sehr unterschiedlich. Mehrheitlich gibt es sie in größeren Städten. Daneben bilden ganze Bundesländer aber auch noch weiße Flecken. In Rheinland-Pfalz bzw. Trier haben sich zwar ebenfalls wie in anderen Städten Frauenhäuser und Frauen-Notrufzentralen etabliert, aber gerade solche für Frauen wichtigen, weil interessenunabhängigen Informations- und Beratungsstellen wie alternative Frauengesundheitszentren oder regionale FrauengesundheitsNetzwerke sucht man (bzw. Frau) vergebens. Ein wissenschaftliches Engagement in der Logik des Schwerpunktes III erscheint auch von daher vernünftig und wichtig.

FGN entwickelten sich, insbesondere aus der Erkenntnis der Frauengesundheitsbewegung, dass geschlechterdifferenzierte Gesundheitsförderung und -versorgung noch längst kein selbstverständlicher Grundsatz im deutschen Gesundheitssystem und der Gesundheitspolitik sind. Untersuchungen bringen zum Ausdruck, dass Frauen zwar statistisch länger als Männer leben, aber aufgrund spezieller Belastungen und Beanspruchungen einerseits und ihrer Biologie andererseits sowohl anderen gesundheitlichen Risken ausgesetzt sind als auch andere Krankheiten entwickeln und deswegen eine spezielle Angebotsstruktur zur Förderung ihrer Gesundheit brauchen. Bis in die heutige Zeit sind jedoch das Gesundheitssystem und die medizinische Forschung auf ein männlich-medizinisch-biologisches Verständnis von Krankheit und Gesundheit festgelegt. Hier schuf die Frauengesundheitsforschung ein kritisches Bewusstsein. Sie sieht die Geschichte der naturwissenschaftlichen Medizin im Licht der Geschlechterverhältnisse. Wo der männliche Körper als das Normale begriffen wurde, galt das Interesse der medizinischen Wissenschaft vor allem den weiblichen Abweichungen von dieser Norm, die häufig als krankhaft gesehen wurden. Die Frauengesundheitsforschung hinterfragt deshalb Zuschreibungen und Diagnosen, die in dieser Tradition einer Pathologisierung des weiblichen Körpers stehen. Für die Gesundheitsforschung fordert sie eine Blickweise, die Unterschiede in Gesundheit und Krankheit zwischen den Geschlechtern angemessen berücksichtigt - in der Gesundheitsberichterstattung, in der Entwicklung von Diagnoseverfahren und Therapien. Sie fordert darüber hinaus eine geschlechtersensible Struktur des Gesundheitswesens, die in der gesundheitlichen Versorgung und bei der Gesundheitsförderung den Bedürfnissen von Frauen entspricht und wendet sich entschieden gegen die zunehmenden Medikalisierungs- und Pathologisierungsbestrebungen in medizinischen wie pharmazeutischen Interessenkreisen, insbesondere der großen transnational orientierten Konzerne und ihrer Lobbies. Die Globalisierung des Medizinbetriebes hat insofern auch eine Globalisierung der Orientierung am männlichen Körper zur Folge. Kaum eine weibliche Umbruchphase läuft heute noch ohne medizinische und pharmakologische Begleitung ab, mit für die weibliche Gesundheit vielen nicht intendierten Folgen absichtvollen (rationalen) Handelns. Unnötige, vorschnelle, mitunter gar riskante und gesundheitsgefährdende medizinische Interventionen und Therapien geraten diesbezüglich verstärkt in die Kritik.5 Widerstandsstrategien der Betroffenen haben dagegen in erster Linie regionale Effekte und tragen auf diese Weise zum Stabilisieren von Regionen bei.

3. Forschungsvorgehen
Neben der in einem ersten Schritt erfolgenden gründlichen Analyse des Vorhandenen (bundesweit wie regional) fragen wir in einem zweiten Schritt, welche Typen von Gesundheitsnetzwerken gut funktionieren, beantworten damit drittens die in der Netzwerkanalyse so wichtige Frage der Struktur6, vorzugsweise der fördernden bzw. hemmenden Bedingungen und Faktoren und werden schließlich viertens diese Ergebnisse zu einem Konzept zur Etablierung solcher Netzwerke in Regionen, die hier Nachholbedarf haben, verarbeiten.
Sofern das Projekt bis Ende 2011 verlängert wird beabsichtigen wir, die Initiative zu ergreifen, dieses Konzept in Trier praktisch umzusetzen. Hierdurch eröffnet sich in der Logik der soziologischen Aktionsforschung die Möglichkeit, selbst an der Gründung einer solchen Initiative mitzuwirken, womit wir dieses Netzwerk in statu nascendi beobachten können. Die Ergebnisse sollen dokumentiert und mit Verantwortlichen diskutiert werden. Hierzu planen wir erstens, die in der Region Trier vorhandenen Fraueninitiativen sowie die Personen, die sich aus beruflichen oder sonstigen Gründen hierfür interessieren bzw. engagieren anzusprechen, zu befragen und für die Idee der Umsetzung zu gewinnen; zweitens einen Workshop mit Experten und Interessierten aus dem deutschsprachigen Raum durchzuführen, die besonders erfahren, kreativ und innovativ in diesem Umfeld sind. Die Ergebnisse sollen drittens wiederum dokumentiert werden und viertens anderen Interessierten (z. B. öffentliche Verwaltung, Verbänden) vorgestellt und mit ihnen diskutiert werden. Schließlich geht es im letzten Schritt darum, die bis dahin gewonnenen Einsichten mit den Betroffenen zu diskutieren und ihre Generalisierbarkeit zu überprüfen. Es ist geplant, dies wiederum in einer Publikation öffentlich zu machen. Für die gesamte Untersuchung wird ein Zeitrahmen von 36 Monaten veranschlagt. Die einzelnen Arbeitsschritte werden sich naturgemäß teilweise überlappen.
Daneben prüfen wir, ob sich der im Projekt III entwickelte VennMaker auch für die Visualisierung der relationalen Strukturen der FrauengesundheitsNetzwerke eignet.

4. Ziel

Ausgehend von einer Analyse der Situation der Gesundheit von Frauen untersuchen wir existierende FrauengesundheitsNetzwerke und -initiativen. Wir fragen nach ihrer Entstehung, ihren Strukturen, ihren fördernden wie behindernden Rahmenbedingungen, ihren Potentialen wie Grenzen sowie den Strategien der Umsetzung ihrer Erkenntnisse in die Praxis. Die Verortung der eigenen Person in Netzwerken ist ebenso Thema wie die Diskussion von Netzwerkkompetenz und Genderperspektive.

5. Theoretisch stützten wir uns auf
  1. die soziologische Netzwerkanalyse,
  2. die Frauen- bzw. Gender-Gesundheitsforschung, speziell dem in der Gesundheitswissenschaft und Medizinsoziologie erforschten Kenntnisstand zur Frauengesundheit,
  3. dem in der Public Health-Bewegung und Forschung diskutierten Setting-Ansatz,
  4. den in der Pädagogik und der Sozialarbeit entwickelten Strategien der Gesundheitskompetenz und des Empowerments.

6. Forschungsfragen
  1. Wie und warum entstanden FGN: Ihre Genese und ihre Entstehungsbedingungen, ihre Entwicklung von informellen zu formellen Netzwerken;
  2. Welche Strukturen gibt es (Gesamtnetzwerke und egozentrierte Netzwerke - Anfertigen von Akteurslisten)? Wie ist ihre Arbeitsweise? Wer sind Schlüsselpersonen? Wie sind die Beziehungen zwischen den Akteuren - ihre relationalen Strukturen, wie z.B. ihre Inhalte, Intensität, Dichte und Formen? Wie ihre nicht- relationalen Strukturen (wie z. B. Qualifikations-, Bildungs- und Altersstrukturen, ihre geografische Verteilung)?
  3. Wie geht der Ressourcentransfer (intern wie extern) vonstatten, wie verläuft die Kommunikation und Weitergabe von in erster Linie (nichtmateriellen) Informationen (wer beeinflusst wen?)? Gibt es darüber hinaus einen materiellen Austausch, z.B. in Form von gemeinsamen Forschungsvorhaben, Projekten, Aktionen, von Personal?
  4. Welche Ziele, Inhalte, Themen, Probleme stehen im Vordergrund?
  5. Wer sind die Akteure? Was ist ihre Motivation und ihr Ziel? Was ist ihr beruflicher Hintergrund?
  6. Was sind die Ergebnisse der Netzwerke?
  7. Welche Faktoren bzw. Bedingungen fördern bzw. hemmen oder blockieren die Netzwerkbildung? Gibt es widerstrebende Interessen (äußere Bedingungen)?
  8. Welche Faktoren bzw. Bedingungen fördern bzw. hemmen oder blockieren die Arbeit der FGN's (innere Bedingungen)?
  9. Mit welchen Problemen, Schwierigkeiten und Konflikten haben FGN's oder Selbsthilfegruppen zu tun?
  10. Welchen Einfluss haben sie auf die regionale Gesundheitspolitik, die Gesundheitsversorgung und das Gesundheitsverhalten?
7. Methodik

  • Internet- und Literaturrecherche
  • Expertengespräche und -interviews
  • Befragung individueller wie korporativer Akteure
  • Sekundäranalyse (Mitgliederverzeichnisse, Handbücher, Veröffentlichungen)
  • Beobachtung
  • VennMaker

8. Zeitplan
  • Analyse der Literatur und der Netzwerke: 10 Monate
  • Auswahl, Vorbereitung und Durchführung der Interviews: 10 Monate
  • Organisation, Durchführung und Dokumentation des Workshops: 5 Monate
  • Diskussionen mit Netzwerken, Präsentation und Diskussion der Ergebnisse mit interessierten Stellen: 5 Monate
  • Schlussbericht: 6 Monate


1) R. Green,E.Hubert, J.Hundertmark-Mayser, B. Möller-Bock, W. Thiehl: Entwicklung, Situation der Selbsthilfeunterstützung in Deutschland. In: Bundesgesundheitsbl.-Gesundheitsforsch.- Gesundheitsschutz, S. 11, Springer Medizin Verlag 2009
2) http://www.nakos.de/site
3) DPWV Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband Gesamtverband e.V., BAGH Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte e.V., DAG SHG Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V., NAKOS Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
4) Klaus Hurrelmann, Petra Kolip (Hrsg.): Geschlecht, Gesundheit und Krankheit - Männer und Frauen im Vergleich, Verlag Hans Huber, Bern, Göttingen 2002, S. 13 ff
5) P. Kolip, G. Glaeske: Medikalisierung weiblicher Biographien im mittleren Alter. In: Schweizerische Ärztezeitung 2002, 83, Nr.10
6) Dorothea Jansen schreibt: "Während die relationalen Merkmale das Rohmaterial sind, das für die Netzwerkanalyse erhoben werden muss, sind die strukturellen Merkmale das eigentliche Ziel der Netzwerkanalyse." In: Einführung in die Netzwerkanalyse, S. 57f, Leske Budrich UTB, Opladen 2003